Virginia Woolf. Hätte sie heute überlebt?

Auch sie lebte ein Achterbahnleben.

Virginia war die Tochter eines berühmten Mannes. Aufgewachsen in einem Haus, in dem Thomas Hardy und Henry James ein- und ausgingen. Damals die intellektuelle Elite Londons, im eigenen Salon.

Aber Virginia durfte nicht zur Schule. Ihre Brüder studierten in Cambridge. Sie bekam Hauslehrer. So war das damals, für Mädchen, auch in den besten Familien. Vor allem in den besten Familien.

Je höher die Familie, desto enger das Korsett für die Töchter. Virginia hat diese Erfahrung nie vergessen. Sie las sich stattdessen durch die Privatbibliothek ihres Vaters: Leslie Stephen, Schriftsteller, Historiker, Herausgeber eines monumentalen biographischen Lexikons. Schon früh äußerte sie den Wunsch, Schriftstellerin zu werden. In einer Zeit, in der das für Frauen kein Beruf war. Höchstens eine Liebhaberei.

Mit 13 verlor sie ihre Mutter. Es folgte ihr erster psychischer Zusammenbruch.
Mit 15 starb ihre Halbschwester Stella, die die Mutterrolle übernommen hatte.
Mit 22 ihr Vater.
Mit 24 ihr Bruder Thoby - an Typhus, mit 26 Jahren.

Vier Menschen in elf Jahren. Jeder Verlust riss sie tiefer.

Ihre Zeit hatte keine Sprache für das, was mit ihr geschah. Man nannte es Nervenzusammenbruch. Man verordnete Ruhe. Man verbot ihr zeitweise das Schreiben. Ausgerechnet. Das Einzige, was sie hielt.

Und trotzdem: Sie schrieb.

Sie zog mit ihren Geschwistern nach Bloomsbury und wurde Teil eines Kreises, der das verstaubte England herausforderte: in der Kunst, im Denken, in der Art zu leben. Sie gründete 1917 mit ihrem Mann Leonard einen Verlag, die Hogarth Press. Die beiden setzten die ersten Bücher von Hand, Buchstabe für Buchstabe, im eigenen Esszimmer. Sie schrieb Romane, die die Literatur für immer veränderten. Zu Lebzeiten gefeiert, international bekannt, heute eine der wichtigsten Autorinnen der Moderne.

Ihr berühmtester: Mrs Dalloway. Das Buch, das ich auf dem Foto in den Händen halte.

Ein einziger Tag im Leben einer Londoner Gastgeberin. Von außen: Blumen kaufen, eine Abendgesellschaft vorbereiten. Von innen: ein Sturm aus Erinnerungen, Zweifeln, Ängsten. Und parallel die Geschichte eines Kriegsheimkehrers, dessen innere Welt zusammenbricht, während die feine Gesellschaft Konversation macht.

Zwei Menschen, die sich nie begegnen - und doch dasselbe in sich tragen.

Woolf schrieb über dieses Buch, sie wolle Leben und Tod nebeneinander zeigen, die Welt der Angepassten und die Welt derer, die aus ihr herausfallen. Sie wusste, wovon sie schrieb. Von beiden Seiten.

Und dann ihr Essay ,"Ein Zimmer für sich allein", 1929. Er wird bis heute zitiert, wenn es um die Frage geht, was Frauen brauchen, um frei zu denken. Ihre Antwort damals: eigenes Geld und ein eigenes Zimmer. Mehr nicht. Und genau das hatten Frauen nicht. Nicht Talent fehlte ihnen. Das hatten sie immer. Sondern die Bedingungen, es zu nutzen.

1941 ging sie in den Fluss Ouse. Sie konnte gut schwimmen, deshalb steckte sie einen Stein in ihre Manteltasche.

Ihr Abschiedsbrief an Leonard beginnt: "Liebster, ich spüre mit Sicherheit, dass ich wieder verrückt werde."

Und er endet: "Ich glaube nicht, dass zwei Menschen glücklicher hätten sein können, als wir gewesen sind."

Beides steht in einem Brief. Beides ist wahr.

Virginia Woolf war psychisch krank. Hätte sie heute - mit unserem Wissen, mit unserer Hilfe - überleben können?

Das ist es, was mich nicht loslässt.

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