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Anita Rée: Was Ausgrenzung zerstört, kann Zugehörigkeit auffangen
Sie malt sich selbst. Direkter Blick. Eine Hand an der Wange, fast wie eine Frage.
Anita Rée schuf dieses Selbstporträt 1930 in Hamburg. Sie war damals eine der renommiertesten Malerinnen der Stadt. Gründungsmitglied der Hamburger Sezession. Ihre Wandgemälde schmückten die Hamburger Schulen.
Drei Jahre später war sie tot.
Was in der Zwischenzeit geschah, ist nicht die Geschichte einer Krankheit. Es ist die Geschichte einer Ausgrenzung.
Rée stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie, war jedoch im protestantischen Glauben getauft und konfirmiert worden. Sie hat sich nie als Jüdin verstanden. Das hat nichts genützt. Ende der 1920er Jahre erhielt sie den Auftrag für ein Altarbild für eine Hamburger Kirche. 1932 wurde die Abnahme des fertigen Werks verweigert. Der angeführte Grund: Eine Jüdin dürfe kein christliches Gemälde malen. Der Kirchenvorstand gab dem Druck nach. Die Gemeinde hat das Gemälde nie zu Gesicht bekommen.
1932 verließ Rée Hamburg überstürzt. Sylt wurde zu ihrem Zufluchtsort. Eine kleine, ungeheizte Dachkammer in Kampen. 1933 schloss ihr eigener Künstlerverband sie aus. Als „kunstfremdes Mitglied“.
Isolation ist selten nur ein Gefühl. Oft ist sie das Ergebnis von Entscheidungen, die andere Menschen getroffen haben. Türen, die sich schließen. Vereine, die ausschließen. Aufträge, die storniert werden.
Im Dezember 1933 nahm sich Anita Rée in Kampen das Leben. Vereinsamt. Ohne Hoffnung, das Leben wiederzufinden, das sie sich aufgebaut hatte.
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Ich stand lange vor diesem Selbstporträt in der Hamburger Kunsthalle. Das Foto hat meine Frau Milena aufgenommen. Rées Blick trifft meinen. Über fast ein Jahrhundert hinweg.
Ich kenne Ausgrenzung nicht durch Verfolgung. Ich kenne sie durch mein Leben wie eine Achterbahnfahrt, das nun schon seit 30 Jahren andauert. Missverstanden zu werden. Kein Platz zu haben, obwohl man mittendrin ist.
Der Unterschied zwischen Rées Geschichte und meiner ist entscheidend. Ich hatte Menschen, die mir zur Seite standen. Milena. Meine Familie. Später ein Verein, der genau aus dieser Erfahrung heraus entstanden ist.
Unterstützung verändert alles. Nicht, weil sie eine Krankheit heilt oder Ausgrenzung beseitigt. Sondern weil sie einen Grund gibt, weiterzumachen, selbst wenn sich draußen die Türen schließen.
Wo Rée keine Tür mehr gefunden hat, habe ich eine gefunden. Darin liegt der ganze Unterschied.
Ausgrenzung kann einen Menschen zerstören. Langsam oder schnell, sichtbar oder unsichtbar. Das Gefühl der Zugehörigkeit ist keine bloße leere Floskel. Es ist eines der wenigen Dinge, die wirklich Schutz bieten können.
Deshalb schaffen wir bei StrassenBLUES Räume, in denen niemand vor verschlossenen Türen steht. Deshalb erzähle ich diese Geschichte.
Ich kenne dieses Gefühl aus eigener Erfahrung. Ausgeschlossen zu sein, obwohl man etwas zu bieten hat.
Die Fahrt geht weiter.